Im Test: Scott Plasma 6 Premium

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Im Test: Scott Plasma 6 Premium
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Im Test: Scott Plasma 6 Premium

2014 gewann Sebastian Kienle den Ironman Hawaii auf dem damals brandneuen Scott Plasma 5, das jahrelang einen Standard in puncto Aerodynamik gesetzt hat. Seit Ende letzten Jahres gibt es nun das Nachfolgermodell, das erneut Maßstäbe setzt. Mit sechs Jahren Entwicklungszeit haben sich die Jungs und Mädels von Scott etwas länger Zeit gelassen als viele Konkurrenten. Ein Warten, das sich jedoch gelohnt hat, getreu dem Motto: „Der Schweizer ist nicht langsam, er ist nur gründlich.“
Auf den ersten Blick können wir festhalten, dass es sich bei dem Scott Plasma 6 nicht etwa um ein überarbeitetes Modell des Plasma 5 handelt, wir reden hier von einem komplett neuen Rad. Einem Rad, das fast ausschließlich für ein Rennen konzipiert wurde, den Ironman auf Hawaii. Der bewusste Verzicht auf UCI-Konformität bot demnach viel kreative Freiheit in Hinblick auf Aerodynamik-Optimierung, Integration und Anpassbarkeit. Hydraulische Scheibenbremsen, elektronische Schaltung mit Powermeter, vollintegrierte Bremszüge, ein ausgetüfteltes Storage System und nahezu grenzenlose Anpassbarkeit bilden somit die Key Features des neuen Schweizer Aeroboliden. Ein Rad ohne Kompromisse?
Selbstlos, wie ich bin, habe ich das Bike genauer unter die Lupe genommen und möchte euch meine Eindrücke der letzten Monate schildern. Einen großen Dank an dieser Stelle an Trionik, die es mir ermöglicht haben das Plasma 6 in meiner ersten Profisaison fahren zu dürfen.

Die ersten Trainingskilometer sind bestritten worden und Silas hat das Bike umfassend getestet.

Rahmengeometrie & Ausstattung

Das Scott Plasma 6 ist in zwei Triathlon Varianten erhältlich. Die meisten Komponenten werden von der Tochterfirma Syncros gestellt, wie beispielsweise der Belcarra Sattel (zum Testbericht geht’s hier). Das Topmodell „Plasma Premium“ kommt mit Sram Red „eTap AXS“ und Zipp „808 NSW“ für 14.999 €, der kleine Bruder, das „Plasma RC“ mit Shimano „Ultegra Di2“ und Syncros „Capital 1.0 50 Disc für 8.999€. Weitere Details zur Rahmengeometrie findet ihr auf der Seite von Scott.
Auffällig beim neuen Plasma ist die große Lücke zwischen Vorderrad und Unterrohr, die die Aerodynamik verbessern soll. Dass das Vorderrad direkt am Unterrohr die aerodynamisch günstigste Position gilt nach neusten Erkenntnissen nur bei kompletter Geradeausfahrt. Bereits durch minimale Lenkbewegungen entstehen demnach störende Turbulenzen. Daher entschied man sich, ähnlich wie bei der Konkurrenz von Canyon, für einen möglichst großen Abstand zwischen VR und Unterrohr, um diesen Effekt zu minimieren. Für den Hinterbau gilt jedoch nach wie vor: Je dichter das Hinterrad am Rahmen desto besser. Daher hat man eine Lösung gefunden das HR in sechs Positionen anbringen zu können und somit unabhängig von der Reifenbreite den Abstand möglichst gering zu halten.

Scheibenbremsen – Am Zahn der Zeit

Dass Scheibenbremsen mittlerweile auch im Triathlon angekommen und etabliert sind, ist längst bekannt. So kommt auch das neue Plasma mit hydraulischen Scheibenbremsen und 12mm Steckachse. Am Vorderrad wir der Bremskolben von einem langgezogenen Spoiler elegant verdeckt und punktet somit nicht nur optisch, sondern auch aerodynamisch. Zum Lösen der Steckachsen hat man für sich für einen kleinen abziehbarer Imbusschlüssel in Schnellspanneroptik entschieden, der während des Trainings am VR/HR bleiben kann oder im Rennen dann doch lieber in der Werkzeugbox Platz findet. Die Bremsleistung überzeugt zu jedem Zeitpunkt und auch der Bremspunkt lässt sich sehr schön dosieren.

Foto by Jochen Haar

Storage & Hydration – Ein Muss für Triathleten

Ein wichtiges Thema mit Blick auf Mittel- und Langdistanzen ist sicherlich immer Storage und Hydration. Auch hier geht Scott im Vergleich zum Vorgänger neue Wege. Die Trinkblase, die vorher unterhalb der Extensions lag, wurde nun in das Oberrohr integriert, der Trinkschlauch wird mit einem Magnetclip an den Extensions fixiert. Das Gefäß fasst laut Scott rund 600 Milliliter und ist gut in der Aero-Position benutzbar und nachfüllbar. Auch das Rahmendreieck wurde neu designed und wird in doppelter Hinsicht gewinnbringend genutzt. Zum einen minimiert es Verwirbelungen, die während der Tretbewegung entstehen und zum anderen bietet die neu untergebrachte Gelflasche weitere Möglichkeiten Flüssigkeit an Bord zu haben. Außerdem gibt es nun keine Entschuldigungen mehr für verlorengegangene Gelflaschen. Angegeben wird sie mit einem Fassungsvermögen von weiteren 340ml. An diesem Punkt muss ich jedoch leider einhaken, denn die Angaben sind sehr großzügig gewählt und nur zutreffend, wenn beide Gefäße randvoll sind. Realistisch passen 500ml in die Trinkblase und 250ml in die Gelflasche. Die Gelflasche ist während der Fahrt anfangs etwas tricky zu greifen, aber mit ein bisschen Übung geht’s doch ganz in Ordnung. Gerade für eine Langdistanz kann zusätzlich noch ein Flaschenhalter am Unterrohr befestigt werden. Die dafür vorgesehenen Bohrungen im Rahmen sind allerdings etwas suboptimal gewählt, da man mit einem zusätzlichen Flaschenhalter die Gelflasche nicht mehr aus dem Rahmen bekommt. Ich habe mir dafür mittlerweile einen kleinen Adapter 3D drucken lassen, sodass ich beides nutzen kann.

Dort, wo sich beim Vorgänger der Trinkblase befand, liefert Scott nun eine kleine Box, die zwischen/unter den Extensions angebracht werden kann. In ihr haben weitere Gels und Riegel sowie die Blip Box der Etap Platz. Auch hierzu ist meine Meinung etwas verhalten. Richtig aerodynamisch ist die Box ausschließlich, wenn die Standard Extensions von Scott verwendet werden, ansonsten hängt sie leider ganz schön im Wind. Wenn die Box nicht verwendet wird, muss man sich ernsthafte Gedanken machen, wo man die Blip Box vernünftig befestigt. Da hätte ich mir von Scott eine etwas pfiffigere Lösung gewünscht. Im Falle einer Panne sieht Scott eine kleine Werkzeugbox hinter dem Sitzrohr vor, in der problemlos ein Ersatzschlauch, Reifenheber und eine CO2 Kartusche Platz finden. Des Weiteren können wahlweise ein- oder zwei Trinkflaschen direkt an einem integrierten Halter an der Sattelstütze befestigt werden. In Puncto Storage und Hydration hat man sich also einiges an Gedanken gemacht, auch wenn ich hier ein bisschen was zu meckern habe.

Das Hydration Konzept grundsätzlich gut durchdacht, jedoch mit wenigen Lücken.

Ergonomie & Anpassbarkeit – Komfort und Speed für Jedermann

Was nützt ein High End Bike, wenn nur wenige Profis darauf sitzen können. Richtig – Nix. Aus diesem Grund haben sich Scott und Bike Fitting Experten von GebioMized zusammengetan und die Bandbreite der Positionen von Sattel, Armpads und Lenker-Extensions so breit zu gestalten, dass wirklich jeder Fahrertyp eine perfekte Position finden kann. Das Ergebnis lässt sich sehen. Am Vorbau bietet das sogenannte „Schaufelblatt“ viele Einstellmöglichkeiten. Diese spacerturmähnliche Konstruktion erlaubt eine Höhenverstellung in sehr kleinen Schritten bis insgesamt 12 Zentimeter. Ebenso lässt sich der Winkel von Extensions und Pads über verschiedene Halterungen in 2,5 Grad Schritten von 0 – 15 Grad einstellen, insgesamt eine sehr saubere und aerodynamisch günstige Lösung. Eine gute Animation dazu findet ihr euch auf der Scott Seite. Ist die ideale Position gefunden empfiehlt es sich das Schaufelblatt auf die gewünschte Länge zu kürzen. Ein passendes Schneidetool gibt es von Scott beim Kauf dazu. Weiter nach unten geht auch nach dem Einsatz der Säge noch, wer jedoch das Cockpit wieder nach oben bringen möchte, muss ein neues Schaufelblatt für 99,- Euro kaufen. Auch der Sattel lässt sich auf der Schiene der Sattelstütze in großer Bandbreite verstellen. Um das Beste aus eurer Position herauszuholen, solltet ihr euch unabhängig vom Scott Plasma von einem erfahrenen Bikefitter beraten lassen. Bikefittings könnt ihr zum Beispiel direkt bei Trionik buchen.

Berganstiege ebenso wie lang gezogene Ebenen wurden im Trainingslager auf Fuerteventura getestet.

Fazit – Ein Triathlonrad der Extraklasse

Das Scott Plasma 6 ist definitiv ein Triathlonrad der Extraklasse, ein richtig geiler Rennhobel. Das komplett neue Design des Aeroboliden überzeugt auf ganzer Linie und lässt so gut wie keine Wünsche offen. Bei der Ausstattung greift man ausschließlich in die oberste Schublade, was sich auch im Preis widerspiegelt, aber wie sagt man so schön, leider geil. Mit seinen knappen 10kg ist das Plasma natürlich kein Leichtgewicht am Berg, so viel konnte ich schon im Trainingslager auf Fuerteventura feststellen. In der Ebene und Bergab jedoch spielt es seine Stärken vollkommen aus und zeigt, dass es entwickelt wurde, um schnell gefahren zu werden. Dabei bleibt bei hohen Geschwindigkeiten sehr stabil und gut zu handeln. Die Ergonomie & Anpassbarkeit ist sehr überzeugend, sodass fast jeder mit der richtigen Einstellung auf das Rad passt. Kleine Schwächen sehe ich lediglich im Bereich Storage und Hydration, was fairerweise jedoch ein sehr individuelles Thema ist und man Scott zugutehalten muss, dass man sich viele gute und clevere Gedanken gemacht hat.

Alles in Allem überzeugt das Plasma in puncto Ausstattung, Aerodynamik, sowie Ergonomie & Anpassbarkeit und wird dem/der (sehr) ambitionierten Triathleten/in mit dem nötigen Kleingeld viel Freude bereiten. Scott liefert ein absolutes High-End Bike ab, von daher gebe ich dem neuen Scott Plasma 5/5 Sterne und freue mich riesig auf das erste Rennen.

Die Nutzung des Plasma 6 als großartige Chance für Silas beim Start im Triathlon Profi-Feld.

12. Mai 2021
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