Triathlon ohne Wettkämpfe: Zeit für Alternativen

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Triathlon ohne Wettkämpfe: Zeit für Alternativen

Die Sonne geht auf und lässt den schmalen Kanal funkeln. Die Temperaturen sind angenehm frisch, epische Musik beschallt Athleten und Zuschauer, Magie liegt in der Luft. Angespannte Gesichter, Tränen, Aufregung. Die Brücke ist gesäumt von Zuschauern und Plakaten, die das Herz kräftig schlagen lassen. Nervös wegen dem was vor mir liegt ziehe ich Einteiler und Neoprenanzug zurecht, checke noch einmal den Reifendruck, packe meine Wechsel-Beutel und gehe ein letztes Mal an den Zaun, an dem meine Familie und Freunde auf mich warten. Einige haben Tränen in den Augen, andere sind von der einzigartigen Atmosphäre, die die Wechselzone umgibt, wie gelähmt. Die zwei Minuten Fußweg zum Wassereingang kommen mir lang vor, die letzte Minute bis zum Start ist eine Ewigkeit. BUMM! Ein Knall. Fliegende Arme, Füße und Ellenbogen im Gesicht, der Puls steigt und steigt.

Zugegeben, die letzten Minuten vor dem Start eines Rennens - in diesem Beispiel die Challenge Roth - sind schwer in Worte zu fassen. Je größer das Ziel, je akribischer die Vorbereitung und je höher der Stellenwert, desto intensiver werden die Gefühle vor dem Start. Dieses Gefühl fehlt. Und es wird leider noch eine ganze Weile fehlen. Ob es in diesem Jahr noch Rennen geben wird? Zweifelhaft. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Flinte ins Korn geworfen werden sollte!

Versuche gar nicht erst das Race-Feeling 1:1 zu ersetzen

Ich habe schon einen Blog geschrieben, in dem ich mich auf die Chancen konzentriert habe, die sich in dieser Zeit bieten. Auch wenn sich seitdem einiges getan hat - die Gewässer sind bspw. deutlich wärmer geworden und die Freiwasser-Saison steht vor der Tür - motivieren mich die beschriebenen Chancen weiterhin in meinem täglichen Training.

Wie aber sieht es mit dem Race-Feeling aus? Mit dem Emotions-Cocktail aus Nervosität, Anspannung, Vorfreude und Adrenalin? Für die Gefühle, die ich oben beschrieben habe, bräuchte ich ganz klar ein Rennen. Ein Highlight. Der IRONMAN Hamburg hätte es dieses Jahr eigentlich werden sollen.

Es gibt ja aber auch noch andere Formen der Wettkämpfe, die wir unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen und Bestimmungen durchführen können. Einige möchte ich euch hier vorstellen; vielleicht ist ja gerade für diejenigen etwas dabei, die sich extrem durch den nächsten Wettkampf motivieren und händeringend einen Anker suchen. Das Renngefühl lässt sich wohl nicht 1:1 zu ersetzen und wer mit der Erwartungshaltung an die Sache rangeht genau dieses tun zu wollen, wird vermutlich ziemlich schnell ernüchtert sein. Und dennoch bieten diese Rennen einen ganz eigenen Charme.

Foto: Marcel Hilger

ZWIFT Racing: Einmal an die Leistungsgrenze!

Das Racing auf ZWIFT hat in den letzten Wochen stark zugenommen und gehört mittlerweile fast zum guten Ton. Auch ich habe mittlerweile das erste Rennen absolviert: 22 Minuten pure Qual! :D

Der ganz große Unterschied beim Racing auf ZWIFT ist, dass die Wattwerte extrem schwanken und es immer wieder Leistungsspitzen gibt - das was wir im Triathlon ohne Windschattenfreigabe vermeiden sollten. Vor allem der Anfang ist knüppelhart. Ich bin bspw. Die ersten 5 Minuten bei 400w NP gefahren und trotzdem hinten aus der Gruppe gefallen. Mit ordentlich Laktat in den Beinen ging es danach nur noch ums pure Überleben. Ein ständiger Wechsel zwischen unter- und überschwefligen Belastungen, die mental und körperlich extrem fordernd sind. Durch die Fahrer auf dem Kurs konnte ich mich aber die ganze Zeit quälen, was ich wohl bei Intervallen eines Trainingsplans nicht in der Form hätte tun können.

Wer sich also mal quälen, seine Energie rauslassen und an die Grenzen kommen möchte, findet in den Rennen eine gute Alternative. Nur Ergebnisse sollten nicht zu Ernst genommen werden, da durch Power-ups und Renndynamiken taktische Aspekte entstehen, die wir als Triathleten logischerweise nicht perfekt beherrschen können.

Foto: Helena Wetjen

Solo-Läufe: Den Edel-Fan mit dabei

Kein Fan virtueller Welten? Kein Problem. Es spricht nichts dagegen den von langer Hand geplanten Laufwettkampf alleine draußen durchzuführen. Sei es ein Marathon, ein „10er“ oder auch 5 Kilometer. Wovon ich wenig halte sind Triathlons, die auf der Straße im laufenden Verkehr durchgeführt werden. Kette rechts, Kopf runter, Adrenalin bis in die Haarspitzen: da wäre mir das Risiko auf nicht gesperrten Straßen zu hoch! Ist die Startnummer um, setzt ja häufig mal der gesunde Menschenverstand aus… ;-)

Aber laufen? Das geht! Am besten suchst du dir eine flache Strecke. Je nach Vorliebe mit mehreren kleinen oder einer großen Runde, als Wendepunkt oder Point-to-Point. Dein Wettkampf, deine Regeln!

Ich bin selber vor einigen Wochen einen Solo Halbmarathon gelaufen inkl. neuer Bestzeit. Das richtig geile daran: Meine Freundin hat mich auf dem Rad begleitet, Flaschen gereicht, mich motiviert. Das hat man sonst nicht und auch das hat richtig Spaß gemacht!

Strava Challenges mit Freunden

Du möchtest das direkte Duell? Willst es deinen Kumpels zeigen? Wie wäre es mit einer Strava Challenge? Dort könnt ihr z.B. ein Segment anlegen - sei es knackige 200m oder eine 5km Runde - und jeder Zeit gegeneinander antreten. Einer legt vor, der andere zieht nach. Die Challenge funktioniert natürlich auch für ganze Lauftreffs, Teams oder Vereine, weil jeder für sich und nicht in der Gruppe laufen kann.

Wenn das Kräftemessen draußen nicht geht, einfach digital connecten.

Wichtig für die virtuellen Rennen und Challenges: die richtige Bedeutung und Beurteilung! Zu unterschiedlich sind bspw. ZWIFT Rennen zu Triathlon-Veranstaltungen. Macht euch nicht wegen irgendwelcher Ergebnisse verrückt, sondern erfreut euch an den unterschiedlichen Möglichkeiten, die es mittlerweile gibt. Es wird wieder Rennen geben. Volksläufe genauso wie IRONMAN Veranstaltungen. Bis dahin übe ich mich in Geduld, genieße den Sport als Ausgleich zum stressigen und in diesen Zeiten ab und zu beängstigenden Alltag und erfreue mich an der ein oder anderen Challenge gegen virtuelle Gegner. Vielleicht greife ich auch noch einmal meine 10km Bestzeit an. Wenn das passiert, werde ich hier davon berichten!

Bleibt gesund,

Alex

12. Mai 2020
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