Triathlon mit Köpfchen: Eine Frage des Helmes

- 02. Jun 2017, von: Alexander Siegmund

Ein Fahrradhelm gehört zur Standart-Ausrüstung eines jeden Rennrad-Fahrers oder Triathleten. Zumindest sollte er das, auch wenn ich immer wieder vereinzelnd Fahrer ohne die schützende Kopfbedeckung beim Training sehe. Mehr als ein ungläubiges Kopfschütteln habe ich für diese Menschen in der Regel nicht über. Zu gefährlich ist der Straßenverkehr und zu sehr häufen sich mittlerweile Unfälle, die nicht selten nur auf Grund des Hemes glimpflich ausgehen.
Argumente gegen das Tragen eines Helmes fallen mir ehrlich gesagt nicht ein. Gewicht? Mein Giro Atmos II, der Helm, den ich im Training fahre wiegt in Größe L 319 Gramm – geschenkt! Belüftung? Bei der hohen Qualität der modernen Helme kein Problem mehr – erst recht nicht in unseren Breitengraden. Optik? Zum Radfahren gehört ein Helm dazu. Passend mit Sonnenbrille und Cap – find ich geil!


Neben der Sicherheit – dieses Kriterium erfüllt auf Grund strenger Auflagen jeder Helm, der auf dem Markt ist – geht es bei Helmen je nach Einsatzzweck um unterschiedliche Aspekte. In Rennen ist die Aerodynamik entscheidend um schnelle Radzeiten zu unterstützen. Im Training hingegen steht der Tragekomfort im Vordergrund, um lange Ausfahrten ohne drückende Stellen genießen zu können. Außerdem ist der Grad der Belüftung entscheidend, um bei heißen Temperaturen „kühlen Kopf“ zu bewahren.


Auf dem Markt gibt es mittlerweile eine Vielzahl an unterschiedlichen Modellen mit großen Preisspannen und Qualitätsstufen hinsichtlich der oben genannten Kriterien. Klassifizieren lassen sich diese Helme zumeist in drei Gruppen:

  • Straßenhelme: Sie zeichnen sich durch relativ geringes Gewicht, viele Belüftungsöffnungen und guten Tragekomfort aus.
  • Zeitfahrhelme: Sie haben ihre Stärke in der Aerodynamik, sind jedoch nicht so gut belüftet. Häufig in Verbindung mit einem integrierten Visor.
  • Mischformen: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Sie vereinen im Prinzip die besten Eigenschaften der vorherigen Modelle, müssen jedoch in den einzelnen Kategorien Abstriche gegenüber der Spezialisten machen.

Im Training bei heißen Temperatur für mich ein „Must-Have“: Der klassische Straßenhelm


Braucht es einen Zeitfahr- oder Aerohelm im Rennen?
Wenn wir von „brauchen“ reden, ist die Antwort simpel: nein, brauchen wir nicht! Wir benötigen einen Helm, der STVO-zugelassen ist, ob Straßen-, Aero- oder Zeitfahrhelm ist dem Kampfrichter bei Einlass in die Wechselzone aber erst einmal egal, solange es sich um ein non-Drafting Rennen handelt.


Fakt ist jedoch, dass ein Zeitfahrhelm große Vorteile hinsichtlich des Luftwiderstandes bietet und als Resultat für Kraftersparnis bzw. höhere Geschwindigkeiten bei gleicher Leistung sorgt. Das Massachusetts Institute of Technology hat 2007 eine Studie veröffentlicht, bei der 10 Aero-Heme bei unterschiedlichen Luft-Einström-Winkeln mit normalen Straßenhelmen hinsichtlich Luftwiderstand und Kraftersparnis getestet wurden. Das Ergebnis ist simpel wie beeindruckend: jeder einzelne Aero-Helm bietet eine Kraftersparnis, der „Median-Helm“ – quasi der Durchschnitt – sorgt bei einem Amateur Radfahrer für eine Reduktion des Luftwiderstandes von 4,7% bzw. 8,3 Watt. Fast 5 Prozent!!!! Die Werte des besten Helmes pro Einfallswinkel liegen sogar deutlich über diesem Wert.


Zeitfahrhelm: Chance und Risiko
Die „klassischen“ Zeitfahrhelme mit langem Schweif, der am Rücken abschließen sollte, bieten eine extrem gute Aerodynamik solange die richtige Position gehalten wird. Wehe aber, der Fahrer senkt seinen Kopf und schaut nach unten. Dann nämlich steht der Schweif wie ein Segel senkrecht im Wind – was ein Vorteil sein sollte, wird in diesem Moment zur Bremse. Entscheidend ist also die richtige Kopfposition und vor allem die Fähigkeit, diese Position über die gesamte Wettkampfdauer zu halten. Was nützt es, wenn der Helm bei der Anprobe lehrbuch-mäßig mit dem Rücken abschließt, ich jedoch aus Erfahrungen weiß, dass sich bei langen Wettkämpfen meine Kopfposition verändert? Eben..!


Mischformen: Aerodynamisch mit hoher Fehlertoleranz
Genau an diesem Punkt kommt die oben angesprochene Mischform in’s Spiel: diese zumeist rundlich gehaltenen Helme bieten eine verbesserte Aerodynamik im Vergleich zu reinen Straßenhelme, da sie weniger Belüftungsöffnungen aufweisen und die Luftzirkulationen reduzieren. Durch die runde Form entsteht kein großer Nachteil wenn die Kopfposition nicht ideal ist und z.B. der Blick nach unten geht. Dafür fällt der aerodynamische Vorteil bei sauberer Haltung nicht so groß aus.

Mischformen bieten einen guten Kompromiss aus Aerodynamik, Belüftung und Fehlertoleranz


Am Anfang gilt: Safety first
So, genug der Theorie, jetzt geht es an’s Eingemachte und ich möchte meine Überlegungen bei der Beschaffung meiner Helme darstellen. Mittlerweile besitze ich drei Modelle, die alle ihre Berechtigung haben und beispielhaft die drei oben genannten Kategorien abdecken:

  • Giro Atmos II (Straßenhelm)
  • Giro Air Attack Shield (Mischform)
  • Giro Aerohead (Zeitfahrhelm/Aero-Helm)


Von Anfang an war klar, dass ich im Training einen klassischen Straßenhelm tragen möchte. Der Komfort, die Belüftung, geringes Gewicht und die Möglichkeit, meine geliebte Sonnenbrille tragen zu können, sind dabei entscheidende Faktoren. Viel spannender war die Wahl beim Wettkampfmodell. 2015 – in meiner ersten Saison als Triathlet – habe ich Wettkämpfe bis zur Olympischen Distanz bestritten. Zwar wusste ich, dass ich über diesen kurzen Zeitraum die angedachte Position halten könnte, mit Weitblick, fehlenden Erfahrungswerten und der Planung auf die Mitteldistanz zu gehen, entschied ich mich damals für den Kauf des Giro Air Attack Shield. Er würde es mir erlauben Geschwindigkeitsvorteile zu erzielen und Fehler in der Kopfhaltung auf 90 Kilometern zu verzeihen. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Ich war und bin bis heute mit der Entscheidung und der Performance zufrieden und kann den Helm ausnahmslos empfehlen. Dazu bietet er die Möglichkeit, ohne Visor gefahren und als relativ schlichtes Modell im Training oder in Rennen mit Windschatten-Freigabe (z.B. Bundesliga oder Radrennen) eingesetzt zu werden. 2 Fliegen mit einer Klappe!


2017, mit etwas mehr Erfahrung und gestiegenen Ambitionen, entschied ich mich für einen kompromissloseres Modell. Meine bisherigen Rennen auf der Distanz haben mir gezeigt, dass keine Probleme im Nacken- und Schulterbereich entstehen, wenn ich die Zeitfahrposition über 90 Kilometer fahre. Meine Wahl fiel auf den Giro Aerohead. Zum Einen ist er hinsichtlich der Länge des Schweifs nicht so aggressiv wie traditionelle Zeitfahrhelme und weist damit eine erhöhte Fehlertoleranz auf, zum Anderen hat mich das extrem weite Visier und damit das gute Sichtfeld angesprochen. Bei meinen bisherigen Rennen wurde ich von der Performance nicht enttäuscht. Im Training tragen würde ich den Helm, der teilweise auf Grund seiner extravaganten Optik belächelt wird, jedoch nicht. Manchmal ist weniger eben mehr…


Die Qual der Wahl: Jetzt wird es konkret
Welcher Helm bzw. welche Kombination aus Helmen kommt für Dich also in Betracht? Zunächst solltest Du Dir Gedanken machen, welche Ziele du verfolgst und wie hoch die Ambitionen sind. Der nächste entscheidende Faktor sind die Witterungsbedingungen. Bei extremen Temperaturen wie z.B. auf Hawaii oder Südafrika kommt der Belüftung eine gesteigerte Bedeutung zu. Auch die Länge der Strecke, die Erfahrung auf dem Triathlonrad und letztendlich auch das Budget spielen eine Rolle. Ob nur ein Helm, zwei Modelle oder das gesamte Portfolio in deinem Besitz sein sollte, hängt stark von diesen Faktoren und Überlegungen ab.


3 Beispiele sollen diesen Gedankengang unterstreichen. Anbei findet Ihr MEINE Empfehlungen bzgl. der Auswahl der Radhelme:


Beispiel 1: Triathlon Einsteiger, er/sie zeichnet sich durch „Spaß an der Freude“ aus und stellt die Zielzeit hinter das Erlebnis. Rennen bestreitet er/sie auf Sprint- und Olympischer Distanz und absolviert Trainingseinheiten und Wettkämpfe auf dem Rennrad. Neben den essentiellen Materialien wie dem Fahrrad, Lauf- und Radschuhen, Verpflegung, Einteiler etc. möchte er/sie nicht noch mehr Geld ausgeben um etwas Zeit sparen zu können.


-> Ein einfacher Straßenhelm reicht aus, um den Ansprüchen gerecht zu werden.


Beispiel 2: Ambitionierter Triathlet auf der Kurzdistanz, er/sie verfolgt ambitionierte Ziele auf Sprint- und Olympischer Distanz, strebt mittelfristig auch ein Rennen auf der Mitteldistanz an. Um schnelle Radzeiten zu gewährleisten, bestreitet er seine Rennen auf einem Triathlonrad und hat seine Sitz-Position in einem professionellen Bikefitting einstellen lassen.


-> Bei ausreichendem Budget: Straßenhelm (Training) + Zeitfahrhelm (Wettkampf)
-> Mit „Studenten-Budget“: Mischform (Training mit Sonnenbrille, Wettkampf mit Visor)


Beispiel 3: Ironman Rookie, er/sie bestreitet in diesem Jahr das erste Mal eine Langdistanz. Das Finish hat dabei oberste Priorität, bei einem guten Rennverlauf darf aber gerne eine solide Zeit herausspringen. Er/sie besitzt Erfahrung auf dem Zeitfahrrad, ist sich jedoch auf Grund der Streckenlänge nicht sicher, ob er den Radkurs komplett in Aero-Position fahren kann.


-> Straßenhelm (Training) + Mischform (Wettkampf)


Evtl. findet Ihr euch in einem der drei Beispiele wieder und habt einen Impuls hinsichtlich eurer Überlegungen erhalten. Falls nicht, stehen wir euch natürlich zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite, diskutieren Vor- und Nachteile und helfen euch in der Entscheidungsfindung!


Link zur Studie: https://dspace.mit.edu/bitstream/handle/1721.1/40486/191803811-MIT.pdf?sequence=2